Haute Couture in Paris: Endlich wieder Fashion Week
Revival auf dem Laufsteg: Die Paris Haute Couture Week war bisher wohl einer der aufregendsten Momente im Modekalender, den wir seit langem erlebt haben. Denn obwohl die Covid-19 Pandemie weiterhin Beschränkungen im internationalen Raum verursacht, wurden Dank der lokalen Entspannung der Coronasituation die aktuellsten Kollektionen der hohen Schneiderkunst in Paris in noch mehr physischen Schauen präsentiert, als wir in den letzten 18 Monaten auf der Agenda hatten.
Ausladende Kleider und aufwendig gearbeitete Anzüge waren die Klassiker bei Christian Dior, Chanel und Balenciaga, während bei Schiaparelli und Iris Van Herpen zeitaktuelle Couture im Mittelpunkt stand. Einer der Höhepunkte der Modewoche war die Rückkehr von Balenciaga zur Haute Couture: Die erste Couture-Präsentation der Marke seit über 50 Jahren. Und auch das New Yorker Modelabel Pyer Moss wurde unter Kerby Jean-Raymond als erster schwarzer Designer seit 1988 von der Chambre Syndicale eingeladen seine aktuelle Couture-Kollektion in Paris zu zeigen. Außerdem wurde die Zusammenarbeit von Jean Paul Gaultier mit Sacai enthüllt, auf die die Modefans schon seit ihrer ersten Ankündigung im März 2020 gewartet haben.
Trotz Pandemie ließen sich die Couture-Brands in Paris wie Giorgio Armani Privé, Viktor & Rolf oder Fendi Couture nicht davon abhalten gerade jetzt wieder einen Hauch Eleganz und modische Daseinsfreude für einen hoffentlich baldigen Trageanlass zu schaffen.
In dieser Saison kehrten die Designer zu ihren künstlerischen Wurzeln zurück, die in üppigen Ausgehlooks oder schnörkellosen Alltagsoutfits vor allem an die Blütezeit der Haute Couture erinnern.
Im Folgenden haben wir für Sie die modischen Highlights der Pariser Haute Couture Modewoche direkt vom Laufsteg zusammengefasst.
Begeben Sie sich nun also in die Traumwelten der Haute Couture Kollektionen Herbst/Winter 2021:
Chanel:
Die Herbst/Winter 2021 Couture-Kollektion von Chanel wurde nicht in der üblichen Räumlichkeit des Grand Palais (das derzeit renoviert wird), präsentiert, sondern im Palais Galliera, dem Modemuseum der Stadt Paris, ein perfekter Ort für eine Chanel-Show, da dort derzeit eine Ausstellung über die Gründerin des Hauses, Gabrielle Chanel, gezeigt wird - die wie auch sonst eine wichtige Inspiration für die Kollektion war. Inspiriert von der impressionistischen Porträtmalerei und der Ikonographie von Gabrielle Chanel präsentierte Creative Directorin Virginie Viard eine Haute Couture-Kollektion der aufwendigen Abendgarderobe. Impressionistische Werke von Berthe Morisot, Marie Laurencin und Édouard Manet dienten zur Inspiration der Kleider und Röcke, die wie Gemälde aussehen.
Neben klassischen Tweed-Kleidern endete die Show, wie für Couture üblich, mit einem Braut-Look, diesmal getragen von der Schauspielerin und Chanel-Muse Margaret Qualley, die zum Finale standardgemäß ihren Brautstrauß in die Menge warf. Wie ein roter Faden durch die Modewoche zog sich Kreativdirektorin Virgine Viard durch die Vergangenheit und präsentierte gleichzeitig einen malerischen Blick in sanfter Romantik in eine Zukunft nach der Pandemie.
Fendi Couture:
Kim Jones' zweite Couture-Kollektion für Fendi wurde als gewaltiger Modefilm unter der Regie von Luca Guadagnino digital vorgestellt, in dem Supermodel Kate Moss die Hauptrolle spielt und der ewigen Schönheit Roms gewidmet ist. Wie bei vielen anderen in dieser Saison waren Antike und Historismus die Hauptinspirationen für Fendi. Kim Jones beschreibt die Kollektion als eine zeitgenössische Verbindung zwischen Epochen, Kulturen und Ästhetik. Diese Verbindung von Epochen, ein Aufeinandertreffen von alt und neu - der Vergangenheit mit der Gegenwart, als Leitmotiv der ewigen Schönheit Roms und seine zusammengesetzte Geschichte sind die Protagonisten dieser Haute Couture Show. Es ist eine Kollektion, in der nichts so ist, wie es scheint. Inspiriert von hellenistischen Motiven, zeigte Creative Director Kim Jones eine wirbelnde Präsentation von zarten Stickereien, Spitzen und Silhouetten, die die Models wie antiken Marmor modellieren. Zu den Highlights der Show gehören durchsichtige, getäfelte Roben und drapierte Designs.
Schiaparelli:
Das surrealistische Modehaus Schiaparelli ist bereit, in den Ring zu steigen. In die Stierkampfarena, um genau zu sein. Das französisch-italienische Modehaus Schiaparelli stellte ihre Herbst/Winter 2021 Haute-Couture-Kollektion unter dem Namen “The Matador” in Form einer B2B-Präsentation mit Einzelterminen Presse und Einkäufern vor. Daniel Roseberrys Vorstellung von “The Matador” war eine Kollektion, die Elsa Schiaparellis Vision zwar ehrt, ihr aber nicht hörig ist. Seine vierte Couture Kollektion ist eine Anspielung auf seinen eigenen inneren Kampf gegen die Nostalgie und simple Schönheit rebellieren zu wollen. Manchmal muss jedoch gegen genau das rebelliert werden, was man möchte, um es wirklich zu verstehen.
Schiaparelli ist ein Vorreiter, wenn es um übertriebene Romantik geht und darum, das Konzept dessen, was schön sein kann, zu erweitern. Die Einbeziehung anatomischer Referenzen ist auch in dieser Kollektion der Schlüssel im Vokabular des Hauses. Überdimensionalität und übertriebene Silhouetten sind auch hier erneut das Leitbild dieser Kollektion.
Balenciaga:
Balenciaga hat die Blicke auf sich gezogen, als die Marke unter Creative Director Demna Gvasalia ihre erste Haute-Couture-Kollektion ankündigte, 53 Jahre nachdem der Gründungsdesigner des Hauses, Cristóbal Balenciaga, sein Couture-Geschäft 1968 geschlossen hatte. Der 40-jährige georgische Designer, der seit sechs Jahren die ready-to-wear für Balenciaga entwirft, präsentierte zu seinem Couture-Debüt für Balenciaga eine umfangreiche Kollektion von 63 Looks. Nur selten haben Jeans und T-Shirts ihren Weg auf den Couture-Laufstege geschafft, aber die Show präsentierte eine deutlich modernere Auffassung von High Fashion und mixte legere Teile mit formeller Kleidung und Demnas charakteristischen Superoversize-Designs.
Die Kollektion, eine Mischung aus Herren- und Damen-Maßanfertigungen, zollte Balenciagas verehrter Couture-Geschichte würdigen Tribut und enthielt viele direkte Referenzen an den Gründer Cristóbal Balenciaga, darunter die Initialen C.B. die von Hand auf Seidenkrawatten, Popeline-Hemden und Lederhandschuhen aufgestickt wurden. Andere Looks nahmen direkt auf Stücke aus der Balenciaga-Couture-Geschichte Bezug und stellten somit die facettenreiche Vision Demnas für Balenciaga Beweis. Bei der gleichen Show gab das neu unter Vertrag genommene Model Ella Emhoff (Stieftochter der US-Vizepräsidentin Kamala Harris) ihr eigenes Debüt hin und lief zum ersten Mal auf der Pariser Fashion Week.
Christian Dior:
Nur ein Paar Wochen nachdem Dior ihre Cruise 2021 Kollektion gezeigt hat, kehrte das französische Modehaus schon wieder auf den Laufsteg der Paris Couture Week zurück. Die Rückkehr zu persönlichen Schauen nach drei Saisons, in denen Dior ausschließlich per Video präsentierte, brachte Creative Director Maria Chiuri dazu, sich wieder mit dem "Gegenwärtig-Sein" auseinander zu setzen, durch das Bewusstsein der Taktilität von handgefertigten Textilien und dieser unsichtbaren Kette von Menschen in der Modeindustrie, ohne die Haute Couture nicht existieren könnte. Maria Grazia Chiuri ließ sich von den bemerkenswerten, bestickten Wänden der Sala dei Ricami im römischen Palazzo Colonna inspirieren und feierte somit das Handwerk. Neben aufwendigen Stickereien und wunderschönen Details der Kollektion arbeitete Dior mit der Künstlerin Eva Jospin zusammen, die für das atemberaubende bestickte Bühnenbild der Show verantwortlich war.
Viktor & Rolf:
Die Welt ist besessen von den Royals, vielleicht sogar noch mehr als von der Mode. Doch spätestens seit Oprah Winfreys Interview mit (Noch-) Herzogin Meghan Markle und Prinz Harry von Sussex bröckelt die Fassade genau dieser Königshäuser, zumindest des Britischen. Daher ließen sich das niederländische Designduo Viktor Horsting und Rolf Snoeren für ihre Haute-Couture Herbst/Winter 2021 Kollektion in Paris von genau dieser neuen Generation der Royals und ihrem Versuch, eine menschliche Realität hinter der Fassade dieser Institution aufrecht zu halten, inspirieren. Sie thematisieren die Zweideutigkeit des 'den Schein wahren', unabhängig davon, was hinter den Kulissen eigentlich wirklich passiert.
Bekannt für übertriebene Couture-Kreationen strotzen die Entwürfe nur so von Glanz und Gloria. Die Looks bestehen jeweils aus einem Kleid, einem Mantel und einer Schärpe, die allesamt mit Swarovski-Kristallen verziert sind.
In einem Spiel aus Märchen und Cartoon werden mittelalterliche Codes von Tiaras und Kronen aus Plastik und ironischen Schärpen auf die Spitze getrieben. Von der Prom-Queen zur Drag Queen binnen 16 Looks aus puren Camp - eine Selbstironie unserer Zeit, die wir auch nur bei Viktor & Rolf erwarten können.
Giorgio Armani Privé:
An Farben hat es in den bisher präsentierten Kollektionen dieser Couture-Saison nicht gemangelt, was man auch bei Giorgio Armani zu spüren bekam, der ein Meer aus rosa, lila und grün über den Laufsteg vor einem Live-Publikum schickte.
Der Designer spielte mit Texturen und Farben. Kein passenderer Titel als “Shine” hätte da die Haute-Couture Herbst/Winter 2021 Kollektion von Giorgio Armani Privé besser zusammenfassen können. Mit schimmernden Stoffen und viel Pailletten, Tüll und Chiffon sorgte Giorgio Armani für eine Reizüberflutung auf höchstem Niveau.
Quecksilberner Seidenorganza, die so fließend und glänzend ist, dass sie sich wie ein Hologramm bewegt, prägte diese Kollektion. Armani verarbeitete sie in Hosen und Kleidern und fügte seine charakteristischen Filtrage-Schichten aus transparentem Stoff hinzu. In Anlehnung an seine Ansprache zum Status der Modeindustrie anfangs der Corona-Pandemie ließ er 15 Kleidungsstücke vergangener Kollektionen in die aktuelle Haute-Couture Kollektion einfließen, um ein Paradebeispiel für die Beständigkeit und Zeitlosigkeit in der Mode zu sein. Wir sind uns schon jetzt zweifellos sicher, dass wir einige dieser prächtigen Roben bald schon auf dem roten Teppich sehen werden.
Pyer Moss:
Ein besonders einschlagendes Ereignis in der Geschichte der Pariser Couture-Shows war die Präsentation der New Yorker Modemarke Pyer Moss unter Creative Director Kerby Jean-Raymond. Kerby Jean-Raymond wurde als erster schwarzer amerikanischer Designer seit Patrick Kelly im Jahr 1988 von der Chambre Syndicale eingeladen, als Teil des offiziellen Couture-Programms seine aktuelle Haute Couture Herbst/ Winter 2021 Kollektion für Pyrer Moss zu zeigen.
In der historischen Villa Lewaro in New York, dem Haus von Afro-Amerikas erster Selfmade-Millionärin Madam C.J. Walker, hielt Elaine Brown, eine Aktivistin und die ehemalige Vorsitzende der Black Panther Party, einen Eröffnungsmonolog. In diesem Rahmen zeigte Pyer Moss als Abschlussshow der Couture Week eine Kollektion als eine Hommage an schwarze Erfinder unserer Zeit. Abgesehen von der Camp-Ästhetik, die einige Couture-Puristen polarisierte, war es ein mutiges und selbstbewusstes Gedenken an die oft noch unterschätzten Beiträge der Schwarzen Pioniere des letzten Jahrhunderts, die dazu beigetragen haben, den amerikanischen Fortschritt und die Welt darüber hinaus erst richtig zu formen.
Eine überdimensionale Eistüte, ein lebensgroßes Erdnussbutterglass und eine menschliche Ampel sind nur eine Auswahl von 25 Erfindungen und Ideen schwarzer Viosnäre, die Pyer Moss auf den Pariser Haute-Couture Laufsteg schickte.
Maison Margiela:
John Galliano hat bei Maison Margiela mit seiner Präsentation die Tradition des Laufstegs Wort wörtlich in den Wind geschlagen. Ein kurzer Horrorfilm an Irlands Steilküste des französischen Filmemachers Olivier Dahan, inspiriert von den Geschichten und Charakteren, die Margiela-Creative Director John Galliano erschaffen hat, um seine Kollektionen neu zu beleben, zumindest der langatmigen Intro-Dokumentation zu Folge, ersetzte eine klassiche Laufsteg-Präsentation.
In dem kurzen Modefilm geht es um ein Fischerdorf aus dem 19. Jahrhundert, ein Geisterschiff, eine Seemannsbaracke und eine Krone, die eine übernatürliche Seuche heraufbeschwört. Es gab Tänze in traditioneller Folklore, Hemden, Unterwäsche, Tiermasken und Rituale, stroboskopartige Effekte und einen Blutmond. Einiges davon wunderschön, manches abwegig. Vieles war schwer zu verstehen, dafür aber in eindrucksvollen Entwürfen von John Galliano. Besonders auffällig war die textile Neigung zur Handwerklichkeit: gehäkelte Stoffe, Jackenn und Kleider aus Deadstock und Upycling-Stoffen und mühsame textile Veredelungsexperimente. War es Couture oder war es Kostüm? Wie alle Kleider, ein bisschen von beidem. Es ging, wie John Galliano in seiner Einführung sagte, um "Angst, die Macht der Natur, und wie hilflos wir ihr gegenüberstehen." Es mag Fiktion gewesen sein, aber über den Wahrheitsgehalt des Konzepts lässt sich nicht streiten.
Jean Paul Gaultier:
Frankreichs avant-la-lettre-Visionär Jean Paul Gaultier übergab die kreativen Zügel dieser Couture-Saison an die Sacai-Designerin Chitose Abe, die im Rahmen eines neuen Designvorgehens, jede Saison mit einem anderen Designer zusammenzuarbeiten, die Archive der Kultmarke tief erkundete, um ihre eigene Interpretation von Gaultier aufzuzeigen. Ihre Kollektion ist die erste dieser fortlaufenden Serie von Gastdesignern, die mit dem Haus zusammenarbeiten werden, nachdem Jean Paul Gaultier seinen Rücktritt im Januar 2020 angekündigt hatte. Chitose Abe von Sacai bekam so zum ersten Mal die Gelegenheit, mit Haute Couture zu arbeiten und brachte ihre eigene Handschrift in Gaultiers Archiv ein, indem sie seiner ikonischsten Stücke einen eigenen modernen Twist verlieh. Diesen Couture-Ansatz äußerte sie vor allem in der Neuinterpretation Gaultiers ikonischem blau-weißen Maleot-Pullover, den sie unter Aspekten von Dekonstruktion und Fusion verschiedener Kleidungsstücke neu aufgelegt hat. An anderer Stelle hat sie Gaultiers unvergesslichen Kone-Bra als kobaltblauen Overall mit Bustier neben einem Meer aus Rüschen neu definiert. Zum Abschluss der Präsentation in Paris trug die Kooperationsdesignerin Chitose Abe ein T-Shirt, das mit einer Botschaft bestickt war, die sich durch die gesamte Kollektion zog und Jean Paul Gaultier wohl kaum besser zusammenfassen lässt: Enfants Terribles.